Engagement und Engagierte brauchen Kontinuität - auch nach dem Regierungswechsel
In einem Namensbeitrag für den Newsletter des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement kommentiert Britta Haßelmann die Aussagen des Koalitionsvertrages zum Bürgerschafltichen Engagement:
Für eine erlebbare Demokratie ist das Mitwirken der gesamten Gesellschaft notwendig,
das wissen wir alle. Freiwilliges Engagement ist eine wertvolle Chance für junge
wie für ältere Menschen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen - auch das
ist bekannt. Kurz: Die Notwendigkeit von Bürgerschaftlichem Engagement ist unumstritten.
Die Aufgabe besteht jetzt darin, Bürgerschaftliches Engagement nachhaltig
zu stärken und die Idee einer lebendigen Zivilgesellschaft mit Leben zu füllen. Dies
wird die Aufgabe der neuen Regierung sein. Der Koalitionsvertrag verspricht auf den
ersten Blick eine stärkere Förderung des Bürgerschaftlichen Engagements. Interessant
ist aber zumeist der zweite Blick.
Diejenigen, die sich lange mit dem Engagement beschäftigen wissen, dass bürgerschaftliches
Engagement nicht als Ersatz für professionelle Infrastruktur und staatliche
Verantwortung zu begreifen ist und sich schon gar nicht einfach einfordern oder
verordnen lässt.
Gerade weil das so ist, ist Politik gefordert aufzuzeigen, wie Strukturen und Rahmenbedingungen
verbessert werden können um Engagement, Eigeninitiative und Kreativität
junger wie älterer Menschen, von Frauen und Männern nachhaltig zu unterstützen.
Mitten in die seit Monaten geführte öffentliche Diskussion mit politisch Verantwortlichen,
AkteurInnen der Zivilgesellschaft, Vereinen, Initiativen und Verbänden (Nationales
Forum/Unterausschuss BE) fiel die Bundestagswahl am 27. September. Das
Ergebnis dieser Wahl ist ein Regierungswechsel von der großen Koalition zu einer
schwarz-gelben Regierung. Nun bleibt zu hoffen, dass die neue Regierung nicht mit
dem Anspruch hier alles anders machen zu müssen, an dieses politisch bedeutsame
Feld herangeht. Klug wäre das nicht. Die Diskussion über Kontinuität im Engagement
muss fortgesetzt werden und steht hoffentlich für Schwarz-Gelb ganz oben auf der
Agenda.
Doch ein Blick zurück dämpft die Hoffnungen, die der Koalitionsvertrag nährt. Das
Ministerium für Familie, Senioren, Frauen, Jugend (FSFJ) hat es in den letzten vier
Jahren versäumt, konzeptionelle Vorschläge für eine nachhaltige Nutzung bestehender
Strukturen vorzulegen: so wurde beispielsweise das Modellprogramm „Generationenübergreifende
Freiwilligendienste“ durch den „Freiwilligendienst aller Genera2
tionen“ ersetzt, neue „mobile Kompetenzteams“ initiiert anstatt die Absicherung von
Freiwilligenagenturen voran zu treiben, zahlreiche neue, in erster Linie öffentlichkeitswirksame
Kampagnen entwickelt und neue Begriffe wie etwa “Zivilengagement“
kreiert, anstatt konzeptionelle Ideen für eine institutionelle Förderung einer Engagementpolitik
zu entwickeln und im politischen Raum zu diskutieren.
Was wir brauchen ist eine Verständigung darüber, wie wir es schaffen können gemeinsam
mit Bund, Ländern und Kommunen bestehende Strukturen auch nachhaltig
zu sichern. Nehmen wir die Rolle die wir dem Bürgerschaftlichen Engagement in diesem
Land zuschreiben wirklich ernst, können und dürfen wir bestehende Projekte
nicht mit jedem Politikwechsel durch neue Projekte ersetzen. Im Gegenteil: Wir müssen
klären, wie die Förderung einer institutionellen Infrastruktur im Bezug auf Netzwerke,
Freiwilligenagenturen oder einer Engagementförderung in den Schulen aussehen
kann, die wirklich nachhaltig ist und entwickeltes Engagement vor Ort fördert.
Im Koalitionsvertrag finden Maßnahmen Erwähnung, die durchaus unsere Zustimmung
finden: etwa die Entwicklung einer Engagementstrategie, der Aufbau einer
nachhaltige Infrastruktur, der Bürokratieabbau oder auch die Einbeziehung des Nationalen
Forums für Engagement und Partizipation. Entscheidend zur Bewertung wird
aber die Ausgestaltung und Umsetzung der erwähnten Vorhaben in der kommenden
Legislaturperiode sein.
Die neue Regierung wird sich daran messen lassen müssen, ob etwa das angesprochene
„bundeseinheitliche Förderinstrument“ genug Raum für dezentrale Lösungen
und Besonderheiten bietet. Oder ob ein Gesetz zur Förderung des Engagements
genug Raum für Kreativität und Eigeninitiative lässt.
Aus meiner Sicht hätte der Gedanke „Einmischung ausdrücklich erwünscht“ eine viel
stärkere Rolle im Koalitionsvertrag spielen sollen. Demokratische Prinzipien verständlich
machen, über Partizipationswege informieren, zum Mitgestalten ermutigen
– das sind zentrale Aufgaben guter politischer Bildungsarbeit, die jetzt anstehen und
die wir zur Stärkung der Demokratie und als Beitrag zur Bekämpfung des Rechtsextremismus
für die Zukunft dringend brauchen. Auch die hätten betont werden sollen.
An dieser Stelle lohnt ein Blick in weitere Kapitel des Koalitionsvertrags. Denn was
aus den angekündigten Vorhaben angesichts der dramatischen Finanzsituation der
öffentlichen Haushalte und des bereits angekündigten Finanzierungsvorbehalt wird,
ist derzeit völlig offen.
Am meisten Sorgen macht mir daher das zentrale Vorhaben der schwarz-gelben Koalition:
die beabsichtigten 24 Mrd. Euro Steuersenkungen - auch und gerade in Bezug
auf die negative Wirkung auf sozialpolitische Herausforderungen, die Kulturpolitik
und das gesamte Feld des Bürgerschaftlichen Engagements.
Nicht nur, dass Steuersenkungen auf Pump in der Wirtschafts- und Finanzkrise - mit
der dramatischen Finanzsituation der öffentlichen Haushalte - unverantwortlich ge3
genüber den nachfolgenden Generationen sind, sie haben auch ganz konkrete Auswirkungen
auf die Kommunalpolitik von heute.
Von den vorgesehenen 24 Mrd. Euro Steuersenkungen werden sich voraussichtlich
mindestens 3 Mrd. Euro an Steuerausfällen im kommunalen Gesamthaushalt niederschlagen.
Hinzu kommen noch die in den Konjunkturpaketen I und II und dem Bürgerentlastungsgesetz
beschlossenen Ausfälle, die ab 2010 mit rund 4 Mrd. bei den
Kommunen zu Buche schlagen. Dabei sieht es aufgrund der gegenwärtigen Wirtschaftskrise
nicht gut aus für die Kommunen: Der Städtetag geht noch in diesem
Jahr von einem Einbruch bei den Kommunalfinanzen von 10 Mrd. Euro aus. Rechnet
man die zusätzlichen Steuerverluste der Kommunen aufgrund der aktuellen Steuerschätzung
hinzu, so sind es bereits 11 Mrd. Euro. Im nächsten Jahr werden noch
höhere Einbußen bei der Gewerbe– und Einkommenssteuer und durch höhere Sozialausgaben
erwartet. Das alles nur für die Städte und Gemeinden ohne jetzt näher
auf die Auswirkungen auf die Länderhaushalte einzugehen.
Deshalb frage ich mich natürlich, was bringen uns politische Willensbekundungen im
Bürgerschaftlichen Engagement oder in der Kulturpolitik, handelt es sich doch bei
den kommunalen Kultureinrichtungen oder Vereinen und Initiativen im Bürgerschaftlichen
Engagement um sogenannte „freiwillige Leistungen“, die - wenn es zu diesen
finanziellen Einbrüchen in den Städten und Gemeinden kommt - schnell vor dem Aus
stehen.
Eine der zentralen Fragen an Schwarz-Gelb ist also, wie soll das gehen mit den notwendigen
Investitionen in den Erhalt der kulturellen und sozialen Infrastruktur und
der Stärkung der Infrastruktur im Engagement? Alles doch nur vage Versprechen
und bloße Lippenbekenntnisse?